Eisenberg / Thüringen

Bastian der Bärenhäuter

In der Adventszeit bis zum Weihnachtsabend gehen jeden Abend, sobald es dunkelt, die Kinder mit seltsam geformten, bunten, von einem Lichtstümpfchen erhellten Papierlaternen, die man Pyramiden oder Permetten nennt, auf den Marktplatz und spazieren dort eine Weile hin und her. Ein seltsames, schönes Bild ist es, am dunklen Winterabend all die hellen, wandernden Lichtchen, von fröhlichen Kindern getragen, zu sehen. Wie Irrlichter hüpfen und tanzen sie umher, bis sie sich nach und nach in die Seitengassen des Marktes oder den langen Steinweg hinab verlieren und endlich als ferne Lichtpünktchen verschwinden. Am Christabend aber ist der alte Marktplatz ganz bedeckt von solchen flimmernden Lichtchen. Dazu läuten die Glocken feierlich vom Turm, die Musikanten blasen, und die Schüler singen einen Choral. Unterdessen wird zu Hause die Weihnachtsbescherung aufgebaut, und die Lichter der Weihnachtstanne, die den heimkehrenden Kindern dann hell in die Augen strahlen, werden angezündet. Jeder Fremde, der nach Eisenberg in der Weihnachtszeit kommt, erfreut sich an dem hübschen, lieben Anblick. Der Eisenberger aber, der sein altes Heimatstädtchen, auch wenn er weit hinaus kommt in die fremde Welt, in treuer Liebe im Herzen trägt, erinnert sich gern der Zeit, da auch er, das brennende Laternchen in der Hand, auf dem dunklen Marktplatze umherwandelte, und mit dem Lichtglanze der Kinderlaternchen steigt hell und licht wieder vergangene Kindheit vor ihm auf.

Der Entstehung dieses schönen Brauches liegt folgende Sage zugrunde:
In Eisenberg lebte einmal vor vielen Jahren eine arme Hökerin, die mit Käse und Schwefelfaden, Dochten und Heringen einen kleinen Handel betrieb. Diese hatte einen Sohn, den jungen Sebastian oder Bastian, der ihr bei ihrem Handel helfen, die alte Bude auf dem Markte aufbauen, die Käse lauf den Dörfern einkaufen und den Handel besorgen musste, für alle seine Mühen und Sorgen jedoch nur schmale Kost und Schläge erntete. Bastian aber ward der Sache bald überdrüssig und, als ihm seine Mutter einmal wegen eines kleinen Versehens einen schweren Fußschemel an den Kopf war, da sagte er Käse und Schwefelfaden auf ewig Lebewohl und wanderte wohlgemut zum Tore hinaus in die weite, weite Welt. Da draußen aber hatte er sich’s doch ein wenig anders vorgestellt, als es wirklich war, und er fand gar vieles, was er sich zu Hause nicht hatte träumen lassen.
Not und Elend traten an ihn heran und trieben ihn vor sich her von Land zu Land, bis er endlich, nachdem er überall Kriegsdienste geleistet, nirgends aber lange ausgehalten hatte, auf einem holländischen Schiffe nach China kam, wo er das Glück hatte, einem reichen Mandarin wegen einer Familienähnlichkeit zu gefallen und bei diesem Aufnahme und reichliche Versorgung zu finden. Doch Bastians Glück sollte nicht allzu lange dauern. Der Mandarin musste im Auftrag des Kaisers eine große Reise unternehmen, und Bastian war gezwungen, ihn zu begleiten. Die Reise ging durch öde, gefährliche Steppen, wo eine Löwenherde die Reisenden anfiel und in alle vier Winde zerstreute.

Bastian fand sich endlich allein am Ufer eines Baches liegend, wo er eingeschlafen war. Als er erwachte, plagten ihn grimmiger Hunger und Durst; er wusste in der trostlosen Öde weder Weg noch Steg und sehnte sich von ganzem Herzen nach Hause. Wie gern wollte er wieder die alte Bude auf dem Marktplatz daheim aufbauen, wie gern sich von groben Bauern beim Käsehandel schimpfen lassen, wie gern die Scheltworte der Mutter ruhig ertragen, wenn er nur wieder daheim gewesen wäre in Eisenberg! Da, wie er sich so sehnte, trat der leibhaftige Satan zu ihm und versprach ihm, ihn in seine Heimat zu bringen und außerdem ihm Gold, so viel er wollte, zu geben, wenn er ihm seine Seele dafür verschreiben wolle. Jedoch Bastian, der von solchen Sachen schon gehört hatte, wollte um solchen Preis seine arme Seele nicht hingeben. Er willigte erst ein, als der Teufel ihm dasselbe verhieß, wenn er gelobe, sich drei Jahre nicht zu kämmen und zu waschen, seine Kleiner nicht zu wechseln, nie zu beten und nie in die Kirche zu gehen.

Das schien unserem Bastian leicht und eine billige Forderung, und freudig schlug er ein. Der Teufel aber hing ihm ein Bärenfell um, gab ihm viel Geld, fuhr mit ihm in die Höhe und ließ ihn sanft vor dem Stadttor zu Eisenberg nieder.

So wanderte denn Bastian als Bärenhäuter wieder ein in seine alte Heimat, wo ihn niemand mehr kannte und seine Mutter ihm als ungeratenen Sohne das Haus verschloss. Keiner wollte von dem Bärenhäuter etwas wissen. Nur ein armer Vetter nahm ihn auf und gab ihm in einem Schweinestall Unterkunft. Dort lebte nun Bastian zwei und ein halbes Jahr seinem Gelübde getreu, und der Teufel schien sein Spiel verloren zu haben. Während dieser Zeit machte er den Kindern seines Vetters einmal einige bunte Papierlaternen, wie er sie in China gesehen und hatte anfertigen lernen. Mit diesen Laternchen gingen die Kinder – es war gerade in der Weihnachtszeit – vergnügt auf den Markt und ließen sie von anderen Kindern bewundern. Diese Sitte aber hat sich noch heute in Eisenberg erhalten. Eines Tages nun, als Bastian noch ein halbes Jahr dem Teufel zu dienen hatte, kam dieser selbst zu ihm und schenkte ihm die noch übrige Zeit, weil er wohl einsah, dass er Bastians Seele nicht gewinnen könne. Dafür sollte aber Bastian in seiner Bärenhaut, jedoch mit vielem Gelde versehen, zum Doktor Urian gehen, sich diesem, der für seine Prozesse keinen Advokaten mehr finden konnte, als Rechtsbeistand anbieten und sich zum Lohne für seine Dienste eine seiner drei Töchter zur Frau ausbitten. Dies tat denn auch unser Sebastian, und, wie ihm der Teufel vorhergesagt, war Doktor Urian höchst erfreut, einen Mann wie ihn gefunden zu haben. Und als er gar die Menge Geld des Bärenhäuters sah, versprach er ihm mit Freuden eine seiner Töchter als Frau. Nun wollte aber keine von diesen den hässlichen Bärenhäuter zum Manne haben. Aus Liebe zu ihrem Vater entschloss sich schließlich doch die jüngste und schönste von allen dreien dazu, ihn zu heiraten. Da säuberte und kämmte der Teufel Sebastian am Malzbach höchst eigenkrallig Bart und Haupthaar, wusch ihn hübsch blank und rein, putzte ihn schön und gab ihm statt der Bärenhaut herrliche Kleider und viel Geld. Bastian ging nun, so geputzt, wieder zu seiner Braut und deren Schwestern, die es gar nicht glauben wollten, dass aus dem garstigen Bärenhäuter so ein schöner, junger Mann geworden sei. Bastian und seine Braut aber waren herzensfroh und feierten bald fröhliche Hochzeit. Die beiden Schwestern, die den reichen und schönen Bräutigam ausgeschla-gen hatten, ärgerten sich so sehr, dass sich die eine aus Neid und Wut im nahen Walde erhängte und die andere in die Schöppe stürzte. Der Teufel aber triumphierte doch, denn er hatte statt einer Seele deren zwei genommen.

ENDE